UX Writing

UX Writing: Wenn Technologie sprechen lernt

Juliana Hirsing, UX Writer
von
Juliana Hirsing
Inhaltsverzeichnis
  1. Was ist UX Writing?
  2. So verbessert Sprache digitale Produkte 
  3. Woran erkennst du guten UX-Text?
  4. Der Workflow
  5. Fazit

Googelte man noch vor wenigen Jahren “UX Writing”, so ploppten ein paar einsame Artikel auf, meist englischsprachig, oft nebulös. Orchideenfach fürs Silicon Valley. Und heute: fast 1 Million Suchergebnisse, wachsende internationale Communities, Jobangebote aus den unterschiedlichsten Branchen … Alles nur ein Trend? Oder ein Feld, das eine wichtige Lücke schließt?

In diesem Artikel erfährst du, was UX Writing beinhaltet und wie Text digitale Produkte besser macht. 

Was ist UX Writing?

“Ah, du schreibst Bedienungsanleitungen”, schloss ein Freund aus meiner Berufsbeschreibung. Dies trifft es zwar nicht ganz, gibt aber einen guten Anhaltspunkt. Denn obwohl wir uns täglich mit technischen Anwendungen umgeben, regelmäßig unbekannte Apps ausprobieren und uns neue Tools aneignen, so lesen wir doch erstaunlich selten Anleitungen im klassischen Sinne.

Spätestens seit dem iPhone erwarten wir, dass sich digitale Produkte einfach bedienen lassen. Dass sie uns ans Ziel führen, ohne uns zu viel Anstrengung abzuverlangen. In der Regel wird die intuitive Nutzerführung vor allem als Designthema betrachtet. Doch ist Text – und sogar das Weglassen desselben – immer ein entscheidendes Werkzeug auf dem Weg zum glücklichen Nutzer. Tatsächlich liegen sich UX Design und UX Writing in ihrer Denkweise und Zielsetzung so nahe, dass Text manchmal als Teil des Designs angesehen wird, oder als “designing with words”. Beide Disziplinen lösen Probleme ganzheitlich und kümmern sich um den Nutzer. Der Fokus des Textes liegt dabei auf der Konversation zwischen Mensch und technischer Anwendung.

UX Writing: Beispielhafte Konversation in einer Ticket-App
Beispielhafte Konversation in einer Ticket-App. Die Anwendung (lila) kommuniziert über Headlines, Copy oder Labels, die Nutzer (gelb) über Buttons und Auswahlmöglichkeiten.

Als relativ junge Disziplin ist UX Writing in Definition und Abgrenzung noch relativ offen. Das Aufgabenfeld kann je nach Projektanforderung und Teamzusammensetzung mit Content Strategy, Informationsarchitektur, Konzeption und teilweise auch Research überlappen.

Formell umfasst UX Copy alle Texte, die Nutzer über ein User Interface sehen oder hören, sei es auf einer Webseite, einer App oder einem Brotbackautomaten. Dazu zählen neben Buttons, Informationstexten und Headlines auch FAQs, Hilfeseiten, Push-Nachrichten und sogar rechtliche Hinweise. Letztere werden zwar von Juristen aufgesetzt, können aber durch die nutzerorientierte Feder des UX-Texters für jedermann lesbar werden. Schließlich gehören auch konzeptionelle Texte wie Persona-Definitionen, Storyboards oder Nutzertest-Hypothesen ins Spielfeld.

So verbessert Sprache digitale Produkte 

Was sind die Vorteile durchdachter, nutzerzentrierter UX Copy? Warum ist es sinnvoll, dass Text – der immerhin durchschnittlich 36 % eines App-Screens einnimmt –  einen eigenen Fokus im Projekt erhält? 

Schneller am Ziel

Ein grundlegender Vorteil, wenn der Text sitzt: Effizienz. Denn ein digitales Produkt wird genutzt, um schnell ein bestimmtes Ziel zu erreichen, ob man eine Überweisung tätigt oder eine Reise bucht. Selbst wenn die Nutzung der App selbst das Ziel ist, wie bei einem Game, möchte sich niemand mit langen Erklärungen aufhalten. Der Text muss, im Einklang mit dem Design, dafür sorgen, dass mit wenigen Klicks möglichst viel erreicht wird. Die Sprache nimmt Nutzer an die Hand und sorgt dafür, dass sich niemand durch Foren klicken muss, um “Fehler 98dfgh893 (missing OAuth token)” zu entziffern. Sie leitet Handlungen an, führt sicher durch den Prozess und liefert die richtigen Infos zur richtigen Zeit. Dazu zählt auch Feedback: Erfahren Nutzer sofort, ob die eigenen Aktionen zum Erfolg geführt haben (z. B. “Danke, Deine Bestellung wird bearbeitet.”), werden Unsicherheiten und Umwege vermieden. 

Besseres Nutzererlebnis

UX-Text hat neben der reinen “Navifunktion” eine weitere zentrale Aufgabe. Als eine Art persönlicher Coach muss er dafür sorgen, dass sich Nutzer bei der Verwendung des Produkts wohlfühlen, von Anfang bis Ende der User Journey. Der Text vermittelt nicht nur Inhalte, er baut eine lebensechte, empathische Konversation zwischen Mensch und Maschine auf. Wohlgemerkt in der Sprache und Denkweise des Menschen. Das klingt trivial, eine technische, abstrakte Perspektive ist aber ein häufiges Problem in digitalen Anwendungen. UX Writer müssen die Nutzer, ihre Lebenswelt, Ziele und Ausdrucksweisen ganz genau kennen. Sie stützen sich nicht auf Annahmen, sondern auf Daten aus Research und Nutzertests. 

Starke Marke 

Ein digitales Produkt ist Teil der Markenwelt und kann als Botschafter des Unternehmens großen Mehrwert leisten. Da beispielsweise eine App die Nutzer aktiver und emotionaler in ihrer Lebenswelt erreicht als viele klassische Werbemittel, kann sie die Marke nachhaltig mit positiven Erlebnissen verknüpfen. Der UX-Text leistet dabei einen wichtigen Beitrag, indem er die Werte und den Charakter der Marke widerspiegelt. Eine Taxi-App spricht anders als die Service-App einer Krankenversicherung. Durch eine konsistente, nutzerzentrierte Sprache wird die Anwendung zum wertvollen Baustein der Markenkommunikation. Sie macht das Unternehmen zugänglich, baut einen Dialog auf und stärkt die Marke bei jeder Interaktion.

Mehr Umsatz

UX-Text kann auch sehr direkt auf Verkaufsziele ausgerichtet sein. Im E-Commerce kann schon ein Buttontext darüber entscheiden, ob ein Kauf vollzogen wird oder als Warenkorbabbruch in die Analytics eingeht. Hier kommt es darauf an, dass jeder Schritt absolut präzise formuliert ist und der Nutzer an keiner Stelle den Faden verliert. 

Woran erkennst du guten UX-Text?

Wie kannst du sicherstellen, dass UX Copy die genannten Vorteile mit voller Kraft erfüllt? Hilfreich sind folgende Kriterien: 

  • Nützlich: No one came here to read – eine harte, aber essenzielle Erkenntnis für UX Writer. Der Text ist kein Selbstzweck, er dient immer dem Nutzer und dem Businessziel. 
  • Klar: Anweisungen sind unmissverständlich, Handlungen haben eindeutige Folgen und Termini immer dieselbe Bedeutung.
  • Präzise: Es wird genau die Art und Menge von Information geliefert, die in diesem Moment nötig ist.
  • Conversational: Es wird ein Dialog aufgebaut und Nutzer werden in ihrer Sprache und ihrer aktuellen Situation angesprochen. Die Kommunikation fühlt sich natürlich an.
  • Zugänglich: Der Text schließt niemanden aus und ist verständlich, unabhängig von körperlichen Einschränkungen, Bildungsniveau, kulturellem Hintergrund etc. Er ist auch für Screenreader lesbar und lässt sich gut übersetzen.
UX Writing: Beispiel Excel
Widerspricht dem Prinzip “Klarheit”: Ein Begriff hat mehrere Bedeutungen.

Der Workflow

Wann, durch wen und wie kommt der Text ins Spiel, wenn eine digitale Anwendung entsteht? Einige Leitplanken:

Der ideale Zeitpunkt?

Je früher Textverantwortliche ins Projekt kommen, desto besser kann das Potenzial von UX Writing genutzt werden. Wird erst nach Text gerufen, wenn die Wireframes – oder gar das Design – stehen, kann dieser nur noch Lücken füllen, aber nicht mehr umfänglich auf die Nutzerbedürfnisse eingehen. Im Sinne von Content First kann ein Texter schon ab dem ersten Briefing wertvollen Input liefern und in Zusammenarbeit mit Konzept und Design zum bestmöglichen Gesamtergebnis beitragen. 

Wer macht’s?

Es sollte von Anfang an festgelegt werden, wer für den Text verantwortlich ist. Je nach Projektgröße und Budget ist nicht immer ein professioneller UX Writer mit an Bord, in dem Fall sollte es aber unbedingt eine andere Person geben, die sich den Texthut aufsetzt, beispielsweise aus Design, Konzeption oder Entwicklung. 

Wie läuft es ab?

Da es viele Überschneidungspunkte mit umliegenden Disziplinen gibt, sollte UX Writing immer im Austausch mit dem Team geschehen. Teilweise setzt sich auch das in der Werbewelt gängige Zweiergespann aus Text und Design durch. Zudem ist es nützlich, wenn der Text aus mehreren Perspektiven geprüft wird, intern durch Teammitglieder und extern durch Nutzertests. Zur Erleichterung des UX-Writing-Prozesses gibt es mittlerweile einige Tools, diese sind aber nicht ausschlaggebend für den Erfolg. Wichtig ist, dass es eine Source of Truth gibt, meist eine Tabelle oder ein Textdokument, auf die das ganze Team Zugriff hat. Hier wird neben den Iterationen immer die aktuelle Textversion festgehalten.

UX Writing Best Practice UX&I
Mit Tabellen (hier Google Sheets) kann UX-Text übersichtlich festgehalten werden. Bei umfangreichen Projekten sind Textdokumente durch die bessere Kommentarfunktion noch praktischer.

Fazit

Text ist eine Basiszutat in jeder digitalen Anwendung. Er kann die Mensch-Maschine-Kommunikation empathisch und lebensecht gestalten und die Interaktion nicht nur zielführender, sondern auch angenehmer machen. Vor allem im englischsprachigen Raum ist UX Writing bereits eine etablierte Disziplin, und auch hierzulande wird sie zunehmend professionalisiert. Selbst wenn Prozesse und Verantwortlichkeiten (noch) relativ flexibel sind, so sollte UX Writing in der digitalen Produktentwicklung eine feste Rolle einnehmen – zum Wohle einer noch ganzheitlicheren User Experience.

Juliana Hirsing, UX Writer

Über die Expertin

Juliana Hirsing, UX Writer

Juliana beschäftigt sich seit 2008 mit Sprache, zunächst als Texterin in der klassischen Werbung, dann schnell im digitalen Bereich. Ob auf Websites oder Apps, Juliana ist zuständig für das geschriebene Wort. Sie liebt es, Kompliziertes auf den Punkt zu bringen und kämpft dafür, dass Texte ihre Leser ernst nehmen.